Deutsche Dschihadisten Teil syrischer Streitkräfte
BR24, München, 15. Mai 2026
Gemeinsame Recherchen von BR, Deutschlandfunk und rbb zeigen: Unter den syrischen Streitkräften befinden sich Sicherheitskreisen zufolge auch Dschihadisten mit Deutschlandbezug. Ein Sicherheitsexperte verweist dabei auf Verbindungen nach Bayern.
Der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa bemüht sich seit Monaten darum, international als verlässlicher und moderater Partner wahrgenommen zu werden. Syrien ist sogar Teil jener Koalition aus rund 85 Ländern, die die Terrororganisation IS bekämpft. Extremismusexperten warnen jedoch davor, dieses Auftreten mit einer tatsächlichen ideologischen Abkehr seines Umfelds gleichzusetzen.
Schatten der Vergangenheit: Islamistische Netzwerke im Machtapparat
Al-Sharaa war über Jahre Teil dschihadistischer Milizen und hatte enge Verbindungen zu Al-Qaida-nahen Strukturen. Auch wenn er sich später öffentlich von Al-Qaida distanzierte und heute deutlich moderater auftritt, stammen Teile seines Machtapparats weiterhin aus genau diesen Milieus. So befinden sich Dschihadisten in den Reihen der Streitkräfte der syrischen Übergangsregierung. Nach Informationen von Deutschlandfunk, rbb und BR sind auch Dschihadisten darunter, die in Deutschland gelebt haben.
"Personen mit Deutschlandbezug innerhalb von Kräften der syrischen Übergangsregierung verfügen zum Teil über Al-Qaida-Bezüge", heißt es aus deutschen Sicherheitskreisen. Und: "Teilweise vertreten sie weiterhin eine global-dschihadistische Ideologie" – also die Vorstellung, islamistische Herrschaft mit Gewalt international durchzusetzen.
Spuren führen auch nach Bayern
Recherchen des Sicherheitsexperten Christoph Leonhardt vom Berliner Analyse- und Beratungsunternehmen Middle East Minds deuten zudem darauf hin, dass sich Dschihadisten aus Berlin, Brandenburg und Bayern in den Reihen der syrischen Streitkräfte befinden. Teile der deutschen Dschihadisten seien auch bei der Eroberung von Damaskus Ende 2024 dabei gewesen.
Diese Deutschen sind Teil einer Gruppe von Dschihadisten, die sich einst vor Jahren Al-Qaida-naher Gruppen anschlossen – und gemeinsam mit al-Sharaa kämpften. Sicherheitskreise sprechen von einer hohen zweistelligen Anzahl an Kämpfern. Teile von ihnen kommen aus dem Ausland, etwa Europa, dem Kaukasus oder Zentralasien. Sie kämpften unter anderem für die "Haiat Tahrir al-Sham" (HTS) oder mit ihr nahestehenden Gruppen.
Der Berliner Sicherheitsexperte Leonhardt warnt davor, die ehemaligen Netzwerke rund um al-Sharaa zu unterschätzen. Besonders im Internet könnten sich diese Extremisten weiterhin international vernetzen, neue Unterstützer anwerben oder Radikalisierung vorantreiben. Er hält es für vorstellbar, dass sie auch in andere Gebiete reisen könnten, um Terrororganisationen zu unterstützen, etwa in Afrika.
Die neue Kriegstaktik der Hisbollah
ThePioneer, Berlin, 29. April 2026
Die Terrororganisation Hisbollah passt ihre Kriegsstrategie im Libanon an und erhöht den Druck auf Israel. Nahost-Experte Christoph Leonhardt erklärt, welche Rolle Iran dabei spielt und warum der Konflikt weiter eskaliert.
Nachdem Libanon und Israel nach dem gescheiterten Friedensabkommen von 1983 keine bilateralen Gespräche mehr geführt haben, sprachen beide Seiten am 14. April 2026 erstmals seit Jahrzehnten direkt miteinander in Washington. Während die libanesische Regierung in den fortwährenden Gesprächen auf „einen dauerhaften Waffenstillstand“ hofft, will ihr israelischer Kontrahent „die endgültige Zerschlagung der Hisbollah sicherstellen“.
Washington zielt mit den Gesprächen in erster Linie darauf ab, die Front im Libanon von der im Iran zu entkoppeln. Während Jerusalem die Beilegung der Kämpfe durch anhaltende Angriffe torpediert, weigert sich Teheran, die Unterstützung für seinen Stellvertreter aufzugeben. Beirut erkennt zwar an, dass die Hisbollah das Land in den Irankrieg hineingezogen hat, doch will es keinen neuen Bürgerkrieg riskieren.
Nachdem Israel die Hisbollah nach deren Angriffen zur Unterstützung der Hamas im Gazastreifen dezimiert hatte, musste sie am 24. November 2024 widerwillig ein Waffenstillstandsabkommen akzeptieren. Darin wurde nicht nur ihre Verbannung aus dem Gebiet südlich des Litani-Flusses festgelegt, sondern auch ihre Entwaffnung bestimmt. Die libanesische Regierung beteuert seither, Fortschritte gemacht zu haben, doch die israelische Gegenseite wirft ihr vor, zu zögerlich zu agieren. Mit dieser Begründung bombardierte Israel weiterhin täglich verdächtige Aktivitäten im Libanon.
Die Iran-Libanon-Front
Die einseitige Waffenruhe zerbrach endgültig am 2. März 2026, nachdem die Hisbollah als „Vergeltung für die andauernden Angriffe“ und „das unschuldige Blut Ajatollah Khameneis“ Israel erneut beschoss.
Obwohl sie die Eliminierung des Obersten Führers zuvor als „rote Linie“ markiert hatte, kam ihr Angriff überraschend. Viele Beobachter hatten sie bereits am Ende gesehen, nachdem ihre Kommando- und Führungsstrukturen im September 2024 zerschlagen worden waren.
Ihr neuer Anführer vermochte es trotz der fortwährenden Bombardierung, die Miliz neu aufzustellen. Dabei kam Naim Kassim zugute, dass er enge Verbindungen zu den iranischen Revolutionsgarden (IRGC) pflegt. So griff der Iran ihm bei der Neuaufstellung unter die Arme, indem es ihm ab Dezember 2024 Dutzende Offiziere zur Seite stellte. Laut Informationen des libanesischen Senders MTV umfasste ihre Gesamtzahl bis zu 100 Offiziere, die über mehrere Monate hinweg die direkte Aufsicht über den militärischen Flügel übernahmen.
Sowohl die schiitische Führung im Iran als auch die im Libanon hatten kommen sehen, dass die Regierung von Benjamin Netanjahu es nicht bei der Waffenruhe nach dem Zwölf-Tage-Krieg vom Juni 2025 belassen wollte. Daher arbeiteten die IRGC daran, bei einem erneuten Angriff strategische Verteidigungsoptionen parat zu haben. Dazu gehörte neben dem Beschuss der mit den USA kooperierenden Golfstaaten (GCC), ihre Stellvertreter aktivieren zu können, um mit einer zusätzlichen Front den Druck auf Israel und die USA zu erhöhen.
Vor diesem Hintergrund arbeiteten die IRGC-Offiziere laut MTV-Berichten neben einer neuen Kriegstaktik für die Hisbollah auch daran, Militärpläne für Simultanangriffe aus dem Libanon und dem Iran auszuarbeiten – ein Szenario, das am 11. März erstmals zum Einsatz kam.
Während die Hisbollah über 150 Raketen und Drohnen auf Nordisrael schoss, griff der Iran gleichzeitig Zentralisrael mit ballistischen Raketen an. Die IRGC bezeichneten die Attacke auf der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim als „gemeinsame und integrierte Operation“.
Hisbollahs Neuaufstellung
Bei der Neustrukturierung der Hisbollah orientierten sich die IRGC-Offiziere am Modell von Imad Mughniyeh. Der 2008 vom Mossad in Damaskus eliminierte Kommandeur war ein Gründungsmitglied der Hisbollah. Ihm werden tödliche Anschläge auf Armeeangehörige, Politiker und Journalisten zugeschrieben. Im operativen Bereich war Mughniyeh ein Verfechter des dezentralen Modells, das er in seiner Einheit im Südlibanon in den 1980er Jahren anwandte.
Hier agierte die Miliz in kleinen, autonomen Zellen, um die israelischen Invasoren mit Guerillataktiken zu zermürben. Nach diesem Vorbild strukturierten die IRGC-Offiziere den militärischen Flügel der Hisbollah in halbautonome Kampfeinheiten um, die untereinander mit nicht abhörbaren Telekommunikationsmitteln kommunizieren. Dabei setzen sie auf alte WalkieTalkies, mobile Motorola-Geräte oder Funkübertragung. Wichtige Feldbefehle werden teils über Boten auf Motorrädern übermittelt. Dagegen sind neuere aus dem Ausland importierte Kommunikationsmittel strengstens verboten – eine Lehre aus der von Israel initiierten Apollo-Mission.
Libanon: Mit Kriegsverbrechen bringt Israel auch die Hisbollah-Gegner gegen sich auf
Berliner Zeitung, Berlin, 18. April 2026
Es soll eine „letzte Schlacht“ zur Eliminierung der Hisbollah sein. Doch von diesem Ziel kommen die Israeli mit ihrem Einsatz im Libanon immer weiter ab.
Libanon und Israel befinden sich seit der Libanoninvasion von 1982 offiziell im Kriegszustand. Ein am 17. Mai 1983 vom israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und libanesischen Präsidenten Amin Gemayel vereinbartes Friedensabkommen scheiterte. Israel besetzte in Folge den Südlibanon bis ins Jahr 2000 hinein, was zu Beginn die Gründung und im weiteren Verlauf den Widerstand der Hisbollah begründete. Nach 1983 gab es jahrzehntelang keinerlei bilateralen Verhandlungen.
US-Außenminister Marco Rubio beschrieb die Gespräche daher zu recht als „historisch“. Durch sie werde „ein Rahmen zur Grundlage eines dauerhaften, beständigen Friedens geschaffen.“ Doch ist nicht nur das Misstrauen zwischen den Gesprächspartnern groß, sondern auch ihre Zielsetzungen differieren: Während die libanesische Regierung auf „einen dauerhaften Waffenstillstand“ hofft, will die israelische Gegenseite „die endgültige Zerschlagung der Hisbollah sicherstellen“.
Die unter US-Vermittlung geführten Gespräche müssen als Versuch gesehen werden, die Front im Libanon von der in Iran zu entkoppeln. Jedoch dürfte ein langfristiges Einlenken auf Seiten Israels nur unter Druck Washingtons; auf Seiten der Hisbollah nicht ohne die Entscheidung Teherans erfolgen. Während Jerusalem die Beilegung der Kämpfe torpediert, weigert sich Teheran die Unterstützung für seinen Stellvertreter aufzugeben. Beirut erkennt zwar an, dass die Hisbollah den Libanon in den Irankrieg hineingezogen hat, doch will es keinen erneuten Bürgerkrieg provozieren.
1,2 Millionen Menschen auf der Flucht
Nachdem Israel die Hisbollah nach ihren Angriffen ab dem 8. Oktober 2023 dezimiert hatte, musste sie am 24. November 2024 ein von den USA vermitteltes Waffenstillstandsabkommen akzeptieren. Darin wurde nicht nur ihre Verbannung aus dem Gebiet südlich des Litani-Flusses (ca. 30 km nördlich von Israel) bestimmt, sondern auch ihre Demilitarisierung festgelegt.
Während der libanesische Präsident Joseph Aoun seither beteuert „Fortschritte bei ihrer Entwaffnung“ zu machen, wirft ihm der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor, „zu zögerlich“ vorzugehen. Daher ließ er weiter nahezu täglich verdächtige Aktivitäten im Libanon trotz des Abkommens bombardieren.
Die Waffenruhe - die de facto keine war - zerbrach offiziell am 2. März, nachdem die Hisbollah als „Vergeltung für die andauernden Angriffe“ und „das unschuldige Blut Ayatollah Khameneis“ Israel erneut angriff. Obwohl sie die Eliminierung des Obersten Führers zuvor als „rote Linie“ markiert hatte, kam ihr Angriff überraschend.
Viele Beobachter hatten die Miliz schon am Ende gesehen, nachdem Israel ihre Führungsriege um Hassan Nasrallah am 27. September 2024 eliminierte, nachdem es eine Woche zuvor bereits ihre Kommandostrukturen durch die Geheimdienstoperation „Apollo“ mit manipulierten Pagern zerschlagen hatte. Doch die Hisbollah arbeitete nach den Rückschlägen im Untergrund daran, ihre Kampfeinheiten autonomer zu restrukturieren, ihre Kommandostrukturen abseits ausländischer Kommunikationsmittel zu reaktivieren und ihr Waffenarsenal durch noch intakte Schmuggelrouten über Syrien und eigene Produktionsstätten wieder aufzufüllen.
Dabei offenbarte sie über ein Jahr lang eine strategische Resilienz, indem sie auf das anhaltende Bombardement nicht reagierte. Erst mit ihrem Angriff zugunsten ihres Schutzherren im Kontext des Irankrieges kam sie erneut aus der Deckung und verband damit die Front im Libanon direkt mit der in Iran.
Aufgrund des erneuten Beschusses marschierte Israel am 16. März mit Bodentruppen tief in den Südlibanon ein. Seine Armeeführung erklärte, dass ihre Truppen bis zum Litani-Fluss vorstoßen werden, um die Hisbollah zu verdrängen. Das ausgewiesene Gebiet hat einen Umfang von ca. 900 km² und umfasst rund zehn Prozent des Staatsgebietes des Libanons. Der israelische Einmarsch führte zur Vertreibung von rund 1,2 Millionen Menschen, deren Großteil nach Beirut oder weiter in den Norden sowie auch nach Syrien flüchtete.
Israel bestätigt Einsatz von Drohnen
Die Militäroperation „Brüllender Löwe“ ist jedoch nicht Israels erster Versuch, militante Gruppen aus dem Südlibanon zu vertreiben. Israels Führung hat seinen Bürgern im Norden schon mehrfach Sicherheit durch Vorstöße bis zum Litani versprochen – scheiterte aber jedes Mal: in der Operation „Litani“ 1978, im Libanesischen Bürgerkrieg 1982, im Junikrieg 2006 und in der Operation „Pfeile des Nordens“ 2024.
Selbst nachdem das israelische Militär für 18 Jahre den Südlibanon besetzt hielt, musste es sich aufgrund von zu hohen Kosten und Verlusten zurückziehen. Während Israel seine erneute Bodenoffensive als „letzte Schlacht“ zur Eliminierung der Hisbollah darstellt, darf das Erreichen dieses Ziels also bezweifelt werden. Im Endeffekt hat ihre Besatzung bisher den Widerstand nur gestärkt.
Im Libanoneinsatz sind neben der an der Nordgrenze stationierten 91. Division, die 36. (Offensivverbände), die 98. (Spezialverbände), die 146. (Flankenverbände) und die 162. Division (Panzerverbände) beteiligt, was einer Gesamtstärke von rund 20.000 Soldaten entspricht. Am 7. April verkündete die Armee, dass sie die „Stationierung entlang der Verteidigungslinie“ abgeschlossen habe. Laut Unifil-Informationen ist sie allerdings nur zwischen fünf bis neun Kilometer in libanesisches Gebiet vorgedrungen. Da dies der Reichweite von Panzerabwehrraketen entspricht, ist davon auszugehen, dass die Linie den diesbezüglichen Beschuss unterbinden soll.
In jüngster Zeit hatte die Miliz immer häufiger Anti-Tank Guided Missiles (ATGM) nicht nur gegen vorrückende Panzer eingesetzt, sondern sie nutzte die in ihrem Besitz befindlichen russischen Kornet-, Konkurs- und Metis- sowie iranischen Dehlavieh-Systeme auch um Einrichtungen, Stellungen und Gebäude in Nordisrael zu attackieren. Zudem setzt sie verstärkt Drohnen mit sog. First-Person-View (FPV) ein. Kürzlich von ihrer Plattform Al-Muqawama veröffentlichtes Material zeigt Milizionäre, die mit Sprengladungen bestückte Drohnen in Merkava-Panzer steuern. FPVs sind kleine, kostengünstige Quadcopter, die Sprenglasten wie Granaten oder Panzerfaustaufsätze transportieren können.
Die israelische Armee bestätigte, dass es durch Drohnen zu Toten und Verletzten gekommen ist, auch wenn die genauen Opferzahlen aufgrund ihrer Militärzensur unklar bleiben. FPVs gelten eigentlich als Markenzeichen des Ukrainekriegs, wo sie für über die Hälfte der Getöteten verantwortlich sein sollen. Zwar führte die Hisbollah schon während des Krieges 2024 vereinzelte Drohnen-Operationen durch, allerdings setzt sie diese nun im größeren Umfang ein. Dabei nutzt sie verstärkt auch Glasfasersteuerungen, welche die Abwehrversuche deutlich erschweren.
Endet die kurdische Autonomie in Syrien?
Tagesspiegel, Berlin, 9. Februar 2026
Nach dem Vormarsch der syrischen Armee steht die kurdische Selbstverwaltung vor ihrem formalen Ende. Doch was bedeutet das für die Region und das Projekt Rojava?
Die Machtübernahme bahnte sich schon an, als am 18. Januar in Nordostsyrien die Erinnerung an den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) buchstäblich gestürzt wurde. In Tabqa, einer Stadt im Norden des Landes, rissen arabische Bewohner eine Statue der kurdischen Kämpferin Habun Arab zu Boden, die 2017 im Kampf gegen die dschihadistische Miliz starb und als eine Symbolfigur des Widerstands gegen den IS gilt. Der Sturz steht sinnbildlich für das, was die kurdische Bevölkerung fürchtet: die Herrschaft durch Islamisten.
Die scheint Realität zu werden. Die kurdisch geführten Syrian Democratic Forces (SDF) hatten sich nach militärischem Druck der syrischen Armee aus den mehrheitlich arabisch besiedelten Städten zurückgezogen, die sie seit dem Sieg über den IS verwalteten, darunter auch Tabqa. Zuvor hatte die Armee in einer Großoffensive das kurdisch geführte Militärbündnis aus weiten Teilen Nordostsyriens vertrieben sowie Öl- und Gasfelder unter ihre Kontrolle gebracht. Hunderttausende Zivilisten waren im Zuge der Offensive gezwungen, ihre Städte zu verlassen. Mit dem Abkommen vom 30. Januar konnte im letzten Moment eine Waffenruhe vereinbart werden, die eine weitere gewaltsame Konfrontation vorerst verhinderte.
Drohungen aus Damaskus
Seit Assads Sturz und seinem Amtsantritt Ende 2024 gehört es zu den selbst erklärten Zielen des Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa, die territoriale Einheit Syriens wiederherzustellen. In den Tagen vor der Waffenruhe ließ er daher massiv Truppen an den Zugängen zu den bedeutenden kurdischen Hochburgen Kobanê und Kamischli sowie entlang der Grenze der Provinz al Hasaka zusammenziehen. Damit verband Damaskus eine klare Drohung: Sollte die SDF ihre Waffen nicht freiwillig niederlegen, würde die Armee die verbliebenen kurdischen Gebiete im Nordosten gewaltsam zurückerobern.
Die entscheidende Frage lautet letztlich: Kann eine Übereinkunft zwischen Damaskus und den Kurden Bestand haben? Syrienexperte Christoph Leonhardt ist skeptisch. „Es zwingt Akteure mit diametral entgegengesetzten politischen Überzeugungen und religiösen Ideologien in eine gemeinsame staatliche Struktur, ohne dass zentrale Konflikte tatsächlich gelöst sind.“
Drohen Massaker in Kobanê?
Denn viele reguläre Soldaten der heutigen syrischen Armee waren zuvor Teil von islamistischen Gruppen, die das Assad-Regime bekämpften. Größtenteils bestanden sie aus der dschihadistischen Miliz Hayat Tahrir al-Sham, deren Anführer Ahmed al-Scharaa selbst war. Dazu kommen protürkische Milizen, die von Ankara finanziert und politisch gesteuert werden. Beobachter zweifeln deshalb die Verlässlichkeit der islamistisch geprägten Einheiten innerhalb der neuformierten syrischen Armee an.
Deshalb sei ohne eine rechtlich abgesicherte Machtaufteilung und nachhaltige Sicherheitsgarantien für die Kurden langfristig die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ihre Integration in die staatlichen Strukturen in eine Entmachtung mündet, sagt Syrienexperte Leonhardt. „In diesem Fall wäre das Abkommen nur eine Übergangslösung mit hohem Eskalationspotenzial.“
Die USA sahen sich genötigt, IS-Kämpfer vom Nordosten Syriens in den Irak zu verlegen. Doch auch dort ist die Lage nach Dastan Jasims Einschätzung instabil und anfällig für eine „IS-Eskalation, wie wir sie in der Region bisher nicht gesehen haben“. Deshalb scheint klar, dass eine weitere militärische Eskalation weder im Interesse der Kurden noch der syrischen Regierung sein dürfte. Aber: „Ohne verbindliche Mechanismen zur Machtaufteilung, zum Schutz von Minderheitenrechten und zur Dezentralisierung, werden sich schon bestehende gesellschaftliche Risse vertiefen“, sagt Leonhardt.