Syrien: Wie weiter nach den Massakern?


ZDF heute, Berlin, 12. März 2025

Interview mit Nils Metzger über die Massaker an den Alawiten durch islamistische Verbände in Westsyrien sowie über das fast zeitgleich zustande gekommene Abkommen mit den kurdisch geführten SDF-Milizen in Nordostsyrien.

Wird Syrien nach Jahren des Bürgerkriegs zur Ruhe kommen? Innerhalb weniger Tage gab es zwei einschneidende Ereignisse, die darauf widersprüchliche Antworten geben und das Land zeitgleich Richtung Abgrund und Richtung Einigung zerren: die Massaker in der Küstenregion und das Abkommen zwischen Übergangsregierung und kurdischen SDF-Milizen. Wie geht es jetzt weiter? 

Was ist bei den jüngsten Massenmorden geschehen?

Seit Diktator Baschar al-Assad im Dezember nach Russland geflohen ist, gab es vereinzelt Übergriffe auf Minderheiten und Proteste, die von der Übergangsregierung mit Ausgangssperren und anderen Maßnahmen kleingehalten wurden. Dennoch blieb es nach Einschätzung von Menschenrechtsgruppen lange vergleichsweise friedlich.


Das änderte sich am 6. März, als Pro-Assad-Kämpfer in einer koordinierten Aktion Sicherheitskräfte in der Stadt Dschabla in der Küstenprovinz Latakia und an weiteren Orten angriffen. Auch Zivilisten waren Ziel. Angehörige islamistischer Milizen schlugen daraufhin brutal zurück und verübten zur Vergeltung einen vor allem gegen die alawitische Minderheit gerichteten Massenmord in der Küstenregion. Laut syrischer Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden in den 72 Stunden danach rund 1.450 Menschen getötet, darunter 973 Zivilisten in 39 verschiedenen Massakern. 231 Mitglieder der Sicherheitskräfte und etwa 250 Kämpfer mit Verbindungen zur früheren Regierung seien getötet worden. 

Der Syrien-Experte Christoph Leonhardt sagt ZDF heute: "Ich denke nicht, dass die Massaker im direkten Auftrag der Übergangsregierung von Ahmed al-Sharaa geschehen sind. Die beiden Brigaden, die für einen Großteil der Massaker verantwortlich gemacht werden, sind die Amshat- und Hamzat-Division. Nominell stehen sie heute unter der Schirmherrschaft der Übergangsregierung, aber de facto übt diese nur eine sehr begrenzte Kontrolle über sie aus." Die Angriffe hätten gezeigt, dass auch die verbliebenen Assad-Kräfte nicht zu unterschätzen seien.

Welche Folgen haben die Massaker für Syrien?

Die Opfer von Erschießungen und Plünderungen wurden von den Tätern pauschal zu Unterstützern der früheren Diktatur erklärt. Das stärkt Sorgen von Minderheiten auch jenseits der besonders betroffenen Alawiten: Ist das neue System nur eine Diktatur der Sunniten? Genau dieses Szenario war jahrelang von der Assad-Propaganda verbreitet worden, um die eigenen Reihen gegen jede Form von Opposition zu schließen. Jetzt arbeiten Assad-Unterstützer weiter an einer selbsterfüllenden Prophezeiung; gezielten Provokationen, um eine neue Gewaltspirale auszulösen. 

"Ahmed al-Scharaa hatte den Minderheiten mehrfach staatlichen Schutz zugesagt, doch hat sich mit den Massakern nun herausgestellt, dass die Alawiten nicht auf dieses Versprechen bauen können. Und al-Scharaa scheint seine Vergangenheit einzuholen. Seine eigene Gruppe hat seine Wurzeln in al-Kaida und offensichtlich haben Teile seiner Allianz der radikalen Dschihad-Ideologie bis heute nicht abgeschworen" erklärt Leonhardt. "Um das Land einen zu können wird es zwangsläufig nötig sein, sich dieser radikalen Teile zu entledigen. Al-Scharaa hat in der Vergangenheit bereits bewiesen, dass er dazu grundsätzlich in der Lage ist."