Hisbollah greift in den Nahostkrieg ein: Israel hat jetzt eine zweite Front


Tagesspiegel, Berlin, 2. März 2026 


Interview mit Christian Böhme darüber,  was der Eintritt der Hisbollah in den aktuellen Nahostkrieg bedeutet, wie schlagkräftig die Schiiten-Miliz noch ist und welche Gefahr von anderen pro-iranischen Milizen in der Region ausgeht.


Vergeltung – so begründet die Hisbollah ihre jüngsten Angriffe auf Israel. Der gewaltsame Tod des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei müsse gerecht werden. Die schiitische Miliz beschoss Israel in der Nacht zu Montag mit Raketen. Es ist das erste Mal seit Beginn einer brüchigen Waffenruhe im November 2024, dass die Hisbollah den „zionistischen“ Erzfeind attackierte. Großen Schaden richtete der Beschuss wohl nicht an. 

Dennoch reagierte Israel nach eigenen Angaben mit Bombardements von Stellungen und Waffenlagern der Terrororganisation im Libanon. Die Bevölkerung in fast 50 Städten und Dörfern wurde aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Gerade im Osten und Süden des Landes sollten Zivilisten ihre Häuser verlassen.


Ausweitung der Kampfzone


Es spricht viel dafür, dass der Dauerkonflikt zwischen der Hisbollah und Israel nun wieder auflebt. Schon unmittelbar nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 und dem Beginn des Gaza-Kriegs hatte die Miliz mit dem Beschuss von Zielen im jüdischen Staat begonnen – aus Solidarität mit den palästinensischen Extremisten im Küstenstreifen, wie es damals hieß.

Daraufhin war Israels Armee massiv gegen militärische Strukturen und das Führungspersonal der Hisbollah vorgegangen. Besonders spektakulär: Im September 2024 explodierten mit Sprengstoff präparierte Pager und Walkie-Talkies. Durch die damals von langer Hand vorbereitete „Operation Apollo“ gelang es, die Kommandoebene der „Partei Gottes“ schwer zu treffen und so in weiten Teilen handlungsunfähig zu machen.

Christoph Leonhardt ist mit Blick auf die militärische Stärke der Islamistenorganisation etwas vorsichtiger: „Trotz der israelischen Schläge stellt die Hisbollah nach wie vor den stärksten Verbündeten des Irans in der Region dar“, sagt der Experte für paramilitärische Gruppen bei Middle East Minds, einem auf den Nahen Osten spezialisierten Analyse- und Beratungsunternehmen. „Die Miliz verfügt neben Zehntausenden Kämpfern weiterhin über Tausende Raketen und Hunderte Drohnen, mit denen sie sicherlich über mehrere Wochen Gefechte durchführen kann. 

Womöglich gibt es auch aus Sicht der Hisbollah einen handfesten Grund dafür, in den Krieg im Nahen Osten aktiv einzugreifen: Würde das Mullah-Regime in Iran durch die israelisch-amerikanischen Militärschläge stürzen, könnte wohl auch sie nicht überleben, sagt Christoph Leonhardt. „Deshalb kämpft sie jetzt gegen Israel – um ihr eigenes Überleben als militärische Kraft.“ Allerdings sei unklar, wie massiv die politische Führung in Jerusalem tatsächlich gegen die Hisbollah vorgehen werde. 


Das Kalkül der Huthis

Doch die Hisbollah ist nicht die einzige Organisation, die eng mit dem Iran verbündet ist. Neben einigen irakischen Milizen trifft das auch auf die Huthis zu. 

Die Jemeniten begannen ebenfalls während des Gaza-Kriegs, Ziele in Israel anzugreifen und Handelsschiffe im Roten Meer unter Beschuss zu nehmen. Zudem wurden Besatzungsmitglieder entführt, einige sogar getötet. Mitte März 2025 begannen die USA, Angriffe auf Stellungen der Huthis zu fliegen. Im Mai gab es dann die Einigung auf eine Waffenruhe und das Versprechen der Jemeniten, die Attacken auf den Frachtverkehr zu unterlassen. Das passierte aber erst nach Inkrafttreten der Feuerpause in Gaza im Oktober 2025.

In den vergangenen Monaten haben die Huthis nach Recherchen des ZDF aufgerüstet – mit Waffen aus dem Iran. Dennoch seien sie militärisch wohl nur in der Lage, Israel mit Drohnen und Raketen punktuell zu treffen, sagt Christoph Leonhardt. „Ihre größte Stärke ist die strategische Fähigkeit, den Preis des Konflikts für Israel und die USA extrem zu erhöhen.“ So könnten die Huthis wirtschaftlichen Druck erzeugen, indem sie die Straße von Bab al-Mandab als wichtige globale Handelsroute durch Angriffe für den internationalen Schiffsverkehr unpassierbar machen. Für die Weltwirtschaft wäre das ein ökonomischer Ernstfall. Denn der Iran hat bereits damit begonnen, die ebenfalls bedeutende Straße von Hormus zu blockieren.