Syrien nach Assads Sturz: Zwischen Hoffnung und Ungewissheit 


The Pioneer, Berlin, 12. Dezember 2024

Für The Pioneer analysiere ich die Hintergründe des Sturzes der Jahrzehnte währenden al-Assad-Herrschaft in Syrien und welche Hoffnungen auf der einen und welche Ungewissenheiten auf der anderen Seite damit verbunden sind. 

In Syrien wird zurzeit Geschichte geschrieben. Die über 50 Jahre währende Schreckensherrschaft der al-Assads hat nach der Blitzoffensive der Rebellen sein jähes Ende gefunden. Zurecht feiern die Syrer den Niedergang eines der brutalsten Regime des Nahen Ostens. Trotz der verständlichen Euphorie ist zum jetzigen Zeitpunkt jedoch ungewiss, ob die Ziele der Syrischen Arabellion von 2011 mit „Freiheit und Würde“ nun endlich Realität werden können. Schließlich werden die Rebellen, die Baschar al-Assad gestürzt haben, vom Islamistenbündnis Haiat Tahrir al-Sham (übersetzt: „Befreiungskomitee Großsyriens“, HTS) unter Abu Muhammad al-Julani angeführt, den nicht wenige mit Skepsis betrachten.

Warum das Assad-Regime jetzt fiel 

 

Die HTS hatte sich schon länger auf die Großoffensive gegen das Assad-Regime vorbereitet. Nachdem sein Verbündeter Russland im Rahmen des Ukrainekriegs seine Truppenpräsenz in Syrien bereits 2022 reduziert hatte, steht nun auch sein Partner Iran mit dem Rücken zur Wand. Die von Teheran angeführte „Achse des Widerstands“ mit seinen Schiiten-Milizen im Libanon, Syrien, Irak und Jemen ist durch die Angriffe Israels erheblich geschwächt.Die Hisbollah als „Kronjuwel“ der pro-iranischen Achse ist im Libanon nur noch ein Schatten ihrer selbst und der islamische Widerstand im Irak sowie die Huthis im Jemen sind noch immer im Kampf gegen Israel gebunden. 

 

Auf diese Gelegenheit hatte die HTS gewartet. Dann schlug sie mit all ihren Kräften zu, um die Schwäche von Baschar al-Assads Verbündeten auszunutzen. Nur wegen der Gesamtsituation im Nahen Osten, konnte die HTS im Verbund mit der von der Türkei unterstützten Syrischen Nationalarmee (SNA) die Stellungen der Regierungstruppen überrennen. Die Islamisten waren sich wohlweislich bewusst, dass sich al-Assad nur mit Hilfe seiner Partner an der Macht halten konnte. Ohne ihre militärische Unterstützung wäre er bereits 2015 gestürzt worden. Dem Diktator schien es schon lange nur noch um seinen eigenen Machterhalt zu gehen, zum Leittragen der syrischen Zivilbevölkerung. 

 

Seine Syrisch-Arabische Armee (SAA) war unterbezahlt und schlecht ausgerüstet, die Soldaten vom langen Krieg gezeichnet und innerlich zermürbt. Sie hatten dem schnellen Vorstoß der Rebellen nichts entgegensetzen – und scheinbar auch nicht mehr zu wollen: Viele gaben ihre Positionen ohne Widerstand auf. So führte eine Kombination aus interner Demoralisierung, fehlendem Rückhalt durch die militärische und politische Führung und Schwächung der Verbündeten dazu, dass die SAA beim Anrücken der hochgerüsteten HTS kollabierte.
 

Schlagwörter: Rebellen / HTS / Assad / Syrien