Forschungsprojekt zum Syrienkonflikt (2018-2023) 

Religion und Gewalt in Syrien (1970-2020)


Über ein Jahrzehnt herrschte in Syrien ein blutiger Konflikt, dem nach Schätzungen des Syrischen Netzwerks für Menschenrechte über eine halbe Million Menschen zum Opfer gefallen sind. Vielfältige wissenschaftliche Analysen haben sich mit seinem Verlauf und seinen Ursachen beschäftigt. Welche Rolle aber religiöse Aspekte im Syrienkrieg spielen, ist bisher kaum Gegenstand umfangreicher Studien gewesen. Diese Forschungslücke überrascht, wird doch in den Narrativen der beiden sich im Konflikt gegenüberstehenden Kriegsparteien – sunnitische Dschihad-Gruppen vs. die Baath-Regierung und mit ihr verbündete Schiiten-Milizen – immer wieder auf die Religion verwiesen. Dabei scheint sie sowohl der Legitimation als auch der Motivation des Gewalthandelns der syrischen Konfliktakteure zu dienen. 


Vor diesem Hintergrund analysiert die vorliegende Untersuchung religiöse Komponenten im Konflikt um Syrien unter der al-Assad-Dynastie (1970 bis heute) anhand der wissenschaftlichen Methode der narrativen Diskursanalyse. Mit ihr wird nicht nur gefragt, ob Religion im Syrienkrieg eine Rolle spielt, sondern was für eine Funktion sie besitzt (instrumentell/ konstitutiv) und wie sie im Gewaltkonflikt wirkt (Legitimierung/ Mobilisierung). Mit der Beantwortung dieser Forschungsfragen soll ferner ein Einblick in das Weltbild der syrischen Opposition und der Baath-Regierung gegeben werden, um auf dieser Basis der übergeordneten ethischen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt anhand des Fallbeispiels von Syrien nachzugehen. Entsprechend versteht sich die vorliegende Arbeit als Beitrag zur theologischen Ethik. 


Die Diskursanalyse dieser Studie gelangt zu dem Ergebnis, dass der Religion in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen Syriens vor allem in Bezug auf die spezifische Frage nach dem Ordnungssystem des Landes eine fundamentale Rolle zukommt. Dabei manifestiert sie sich primär im syrischen Konfliktdiskurs, wo sie in Form von religiösen Narrationen und Codes zur Anwendung kommt. Die narrative Analyse deckt diese auf, identifiziert also ihre Einzelnarrationen und kategorisiert zudem ihre Marker in Codebüchern. Sie kommt zu dem Fazit, dass diese als Legitimierungs- und Mobilisierungsressource von Gewalt wirken, indem die Konfliktakteure auf beiden Seiten den Gewaltdiskurs mit ihnen religiös aufladen und damit emotionalisieren. Dabei offenbart sich die Religion sowohl als instrumenteller als auch konstitutiver Baustein des Konflikts. Auch wenn die Religion an sich nicht schon Gewalt in Syrien befördert hat, haben religiöse Komponenten doch die Dynamik der Gewalteskalation maßgeblich beeinflusst. Die vorliegende Untersuchung schließt mit der Feststellung, dass die Frage, ob Religion gewalt- oder friedensstützend wirkt, nur kontextbezogen in einer Fallstudie wie der hier vorliegenden und nicht generell beantwortet werden kann. 


Das Forschungsprojekt war an der Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften der Universität der Bundeswehr München beim Lehrstuhl von Herrn Professor Friedrich Lohmann angesiedelt. Es wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient (DAVO) präsentiert. Das Projekt wurde nach seinem Abschluss im Juli 2024 vom Lit-Verlag als Monografie veröffentlicht.