Al-Scharaa und die Dschihadisten


Zenith, Berlin, 4. September 2025


Dschihadisten aus Zentralasien gehören zum Rückgrat der Machthaber in Syrien – erst in Idlib, nun als Teil der neuen Ordnung. Einer von ihnen machte aus seinem Kampfkonzept ein Geschäftsmodell. Nun wurde der »Dschihad-Influencer« Abu Dajana verhaftet. 

 

Als Tactical bezeichnen Dschihadismus-Forscher eine neue Form von militanten Gruppen, die vor allem im Syrien-Krieg entstanden. Eine der bekanntesten unter ihnen sowie ihr Gründer stehen nun wieder im Fokus. Abu Dajana gründete Muhojir Tactical 2022 in Idlib, wobei die Namensgebung Muhojir den »zugewanderten« Ursprung der Mitglieder unterstreicht. Der Islamist wurde in Kirgisistan geboren, wuchs dann aber mit seiner alleinerziehenden Mutter in Usbekistan auf. Sie emigrierte später mit ihm nach Russland. Dort radikalisierte Abu Dajana sich in usbekisch-migrantischen Milieus. Als waffenaffiner Dschihadist sammelte er schon in jungen Jahren Kampferfahrung in zentralasiatischen Kriegsgebieten. Wie viele seiner Weggefährten zog es ihn dann nach Syrien. 

  

Usbekische Dschihadisten stellten im syrischen Bürgerkrieg die Hauptgruppe zentralasiatischer Kämpfer (Inghimasi). Sie gelten als extrem radikal, hochmotiviert und kampferfahren. Abu Dajana diente in unterschiedlichen dschihadistischen Verbänden in Syrien, bis er sich der Spezialeinheit der tschetschenischen Liwa al-Muhajirin wa-l-Ansar (LMA) anschloss, die zwischenzeitlich mit dem IS affiliiert war. 

  

Nachdem er Muhojir Tactical als Konzept definiert hatte, bot Abu Dajana seine Militärkenntnisse auf verschiedenen Plattformen wie Instagram, Tiktok und Telegram an. Sein erklärtes Ziel bestand darin, »militärisches Wissen aus dschihadistischer Sicht zu verbreiten«. Zusammen mit Weggefährten wie Abu Valid al-Shami trainierte er die LMA, aber auch die usbekische Katibat al-Tawhid wa Jihad (KTJ). Unter dem Pseudonym Ayyub Hawk professionalisierte Abu Dajana seine Dienste und verbreitete sie auf Kanälen wie MuhojirUZ und UZ Tactical. Dort zeigte er wie diverse Waffen effektiv zu nutzen sind und untermalte seine Anleitungsvideos mit szenetypischen Naschids, wobei die Professionalität der Clips an die Produktionen des »Islamischen Staats« (IS) erinnerte. Als Ayyub Hawk stieg er zum »Dschihad-Influencer« auf und galt alsbald als »Emir« zentralasiatischer Kämpfer in Syrien.
 

  

Tacticals bestehen bis heute überwiegend aus zentralasiatischen Dschihadisten, die ihre Dienste in Militärausbildung, -beratung, und -taktik, aber auch in aktiver Kampfunterstützung anbieten 

  

Seine Propaganda veröffentlicht Abu Dajana wie andere Tacticals auf seiner Muttersprache, neben Usbekisch aber auch auf Russisch, Tschetschenisch und Uigurisch. Im Laufe des Syrien-Krieges spielten die Tacticals eine immer stärkere Rolle. Sie bestehen bis heute überwiegend aus zentralasiatischen Dschihadisten, die ihre Dienste in Militärausbildung, -beratung, und -taktik, aber auch in aktiver Kampfunterstützung anbieten. Foreign Policy bezeichnete sie 2017 als »Blackwater des Dschihads«. Viele Brigaden der Hayat Tahrir al-Sham (HTS) nutzten ihre Dienste, allen voran ihre ausländischen Truppen. Schätzungen von Independent Arabia zufolge speist sich die HTS-Kampftruppe bis heute zu rund 30 Prozent aus ausländischen Kämpfern. 

  

Die bekannteste Tactical ist die 2015 vom Usbeken Abu Rafiq al-Tartarstani gegründete Malhama. Sie gilt als erste ihrer Art und besteht aus Kämpfern aus Dagestan, Kirgistan, Tschetschenien und Usbekistan. Ihr Gründer Abu Rafiq reiste 2013 nach Syrien, kämpfte dort drei Jahre lang als Söldner in verschiedenen Dschihad-Verbänden und setzte dann sein Konzept in ein privates Militärunternehmen um. Vor allem unter kampferprobten zentralasiatischen Dschihadisten fand dieses Modell großen Anklang, einige von ihnen kopierten es und entwickelten es weiter. 

  

Seit ihrer Gründung im Januar 2017 griffen auch die HTS und besonders die mit ihr verbündeten nicht-syrischen Milizen auf die Dienste der Tacticals zurück. So bildete die Malhama Tactical die mit der HTS assoziierte LMA und KTJ, aber auch die usbekischen Al-Ghuraba und Imam al-Bukhari aus. Nach dem Tod Abu Rafiqs 2017 integrierte die HTS dessen Malhama teilweise in ihre eigenen Spezialkräfte, engagierte aber auch andere Tacticals wie die 2014 gegründete tschetschenische Ajnad al-Kavkaz, die 2018 etablierte uigurische Yurtugh oder die jüngst entstandene usbekische Musafir Tactical. Zu diesen Gruppen zählt auch eine albanische Tactical, die Kämpfer vom Balkan umfasst, etwa aus dem Kosovo und Mazedonien. Alle diese Gruppen fungieren bis heute als wichtiges Bindeglied zwischen syrischen und ausländischen Dschihadisten. 

  

Ihr Knowhow spielte bei der von der HTS geführten Operation »Abschreckung der Aggression« eine maßgebliche Rolle, die im Dezember 2024 zum Fall des Assad-Regimes führte. Obwohl die Tacticals häufig eine dschihadistische Agenda verfolgen, hat die HTS die Zusammenarbeit mit ihnen jüngst ausgeweitet. Nicht wenigen von ihnen wird eine Al-Qaida-Anbindung oder ideologische Nähe zum IS nachgesagt. Diese Allianz stellt eine nicht zu unterschätzende Gefahr für Ahmad Al-Scharaa dar, der unter Beobachtung der internationalen Gemeinschaft steht und den Kern der HTS aus machtpolitischen Erwägungen heraus vermeintlich transformiert hat.  


Schlagwörter: Al-Sharaa / Dschihadisten / Armee / Syrien