Warum die Entwaffnung der Hisbollah für den Libanon Gefahr und Chance zugleich ist


Berliner Zeitung, Berlin, 11. Oktober 2025

 
Nachdem die Hisbollah herbe Rückschläge erlitten hat, versucht Israel, die Miliz zu entwaffnen und damit endgültig in die Knie zu zwingen. Doch so einfach ist das nicht.


Während die Hisbollah ihr Waffenarsenal stetig ausgebaut hatte, limitierten Sanktionen lange Zeit die Militärkapazitäten des libanesischen Staats. Israel und die USA verhinderten, dass die libanesische Armee (LAF) breit aufgestellt war, aus Angst, ihre Waffen könnten in deren Hände fallen. Daher galt die Nationalarmee als schlechter ausgerüstet als die Schiiten-Miliz, die jahrelang über syrische Schmuggelrouten durch Iran bewaffnet wurde. Letzte Woche genehmigten die USA 230 Millionen US-Dollar, um ihre Entwaffnung voranzutreiben. 

Das Ungleichgewicht zugunsten der „Partei Gottes“ war ins Wanken geraten, nachdem sie „in Solidarität mit der Hamas“ Israel angegriffen hatte. In den darauffolgenden Kämpfen erlitt sie schwere Verluste in Bezug auf ihre Infra- und Kommandostruktur sowie Militärkapazitäten. Stark geschwächt musste sie im November 2024 ein Waffenstillstandsabkommen akzeptieren.

Zusätzlich verlor die Hisbollah ihre wichtigste Versorgungsroute, nachdem das Al-Assad-Regime in Syrien im Dezember durch islamistische Rebellen gestützt worden war. Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) gingen trotz der Waffenrufe gegen die Miliz vor. Bis heute hält sie die fünf strategischen Hügel Aaziyyeh, al-Deir, Blat, Hamames und Labbouneh besetzt; ein Gebiet im Südlibanon, das sich laut der Lebanese Broadcasting Corp. auf rund 11,5 Quadratkilometer beläuft.

Netanjahu setzte ein Ultimatum 

Nahezu täglich bombardiert die IDF verdächtige Aktivitäten im Libanon. Dabei sind seit dem „Waffenstillstand“ über 200 Menschen getötet worden, darunter viele Zivilisten mit rund 50 Frauen und 25 Kindern. Erst am 21. September 2025 wurde bei einem Drohnenangriff auf ein Auto im südlichen Bint Jbeil eine fünfköpfige Familie ausgelöscht, darunter ein achtjähriges Kind und zwei Babys. Obwohl der libanesische Präsident Joseph Aoun den Angriff verurteilte und die internationale Gemeinschaft zur Verurteilung Israels aufforderte, blieb das Töten von Zivilisten – völkerrechtlich ein Kriegsverbrechen – wie so oft ungesühnt. 

Israel will mit den USA und Saudi-Arabien die Schwäche der Hisbollah ausnutzen, wobei es seine anhaltende Bombardierung als politisches Druckmittel nutzt. Der israelische Ministerpräsident verkündete Mitte Juli, dass die Angriffe erst enden würden, wenn „alle notwendigen Schritte zur Entwaffnung“ unternommen seien. Zur Umsetzung setzte Benjamin Netanjahu ein Ultimatum bis Ende 2025, wobei er betonte, dass „Israel nicht zögere“, eine „breite Militäraktion“ zu starten, wenn es nicht umgesetzt werde.

Unter Druck beauftragte Aoun Anfang August die LAF damit, die Hisbollah zu entwaffnen. Da die Armee sich aber nicht in der Lage sieht, die Miliz in einem Anlauf zu demilitarisieren, plant sie dies schrittweise über fünf Sektoren – südlich des Litani-Flusses, zwischen Litani- und Awwali-Fluss, Süd-Beirut, das Bekaa-Tal und zuletzt den Rest Beiruts – umzusetzen.

Allerdings liegt bis heute noch kein Fahrplan dazu vor, besonders dann, wenn Gegenwehr erfolgt. Obwohl die LAF über 150 Militärposten im Südlibanon besetzt hat, existieren nur Schätzungen über die verbleibenden Kapazitäten der Hisbollah. Die IDF behauptet, 80 Prozent ihrer Kurzstreckenraketen zerstört und strategische Waffen wie Kampfdrohnen, Langstrecken-, Lenk- und Flugabwehrraketen „stark dezimiert“ zu haben. Neben Hunderten Waffenlagern habe sie auch Dutzende Kommandozentralen und Ausbildungslager vernichtet. 

Nasrallahs Nachfolger bekräftigt dagegen, dass ihr Waffenarsenal noch intakt und ihre Netzwerke stabil seien. Außerdem beschuldigte Naim Kassim die Regierung, vor den „israelischen Aggressoren und US-Tyrannen“ einzuknicken. Statt deren „Intrigen“ zu fördern und den „Widerstand gegen das zionistische Gebilde“ aufzugeben, sollte sie die „Aggressionen stoppen“, den „Süden wiederaufbauen“ und eine „nationale Verteidigungsstrategie“ etablieren. Das Unvermögen des libanesischen Staats, sich gegen Israels Angriffe zur Wehr zu setzen, gilt als Rechtfertigung ihrer Bewaffnung. 


Waffen als politisches Machtmittel

Die Argumentation der reinen Verteidigung wurde in der Vergangenheit jedoch widerlegt: Die Miliz nutzte ihre Waffen sowohl in Syrien, um Baschar al-Assad zu stützen als auch im Libanon, um politische Interessen durchzusetzen. Als zum Beispiel die prosaudische Regierung von Fuad Siniora (im Amt 2005–2009) erklärte, ihr autarkes Telekommunikationsnetz abzuschalten, besetzten schwerbewaffnete Milizionäre am 7. Mai 2008 die Hauptstadt, bis das Vorhaben aufgegeben wurde. Während der Besatzung Beiruts kamen über 80 Menschen zu Tode.


Daher überrascht es nicht, dass die „Partei Gottes“ auf ihr Arsenal beharrt. Kassim bekräftigte jüngst, dass der „Widerstand seine Waffen niemals aufgeben“ werde, weil diese ihn „gegen die zionistische Aggression“ schütze; sie seien „seine Seele, Ehre sowie die Zukunft seiner Kinder“. Tatsächlich ist ihre Militanz fester Bestandteil ihrer Identität, genauso wie ihr Märtyrerkult. Beide zusammen stellen das Fundament, auf dem sich die schiitische Miliz während des Bürgerkriegs als Reaktion auf die israelische Libanoninvasion 1982 gründete. 


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