Syrien vor Krieg zwischen Regime und Kurden? Gesellschaft mit "tiefen Narben" 


Watson, Berlin, 17. Januar 2026

 
Die Kämpfe zwischen Truppen der Regierung und Kurd:innen in Aleppo sind vorerst beendet. Und doch drohen weitere Auseinandersetzungen. Kann die Übergangsregierung für Stabilität sorgen und gleichzeitig die Vision eines pluralistischen, sicheren Syriens für alle realisieren?


Besonders zwischen den SDF-Truppen und der Übergangsregierung ist die Lage aufgeheizt. Dabei sah es im März 2025 noch ganz anders aus: Damals verkündeten beide Seiten eine Einigung, dass die Kurd:innen in die staatlichen Institutionen eingegliedert werden sollen.


Davon ist man heute weit entfernt, doch warum?


Gescheitert sei die Umsetzung "an unklaren Vereinbarungen, tiefen Differenzen zwischen Damaskus und der SDF, gegenseitigem Misstrauen gepaart mit andauernden militärischen Spannungen und äußeren geopolitischen Einflüssen". Das erklärt Christoph Leonhardt vom auf den Nahen Osten spezialisierten Analyse- und Beratungsunternehmen Middle East Minds gegenüber watson. Ihm zufolge hätten die jüngsten Kämpfe zwischen der neuen syrischen Armee und den SDF in Aleppo deutlich gezeigt, "welche dramatischen Folgen ein Scheitern dieser Integration für Syrien haben kann".

Die Massaker an Alawit:innen und Drus:innen haben laut Bente Scheller auch dazu geführt, dass viele Minderheiten den Regierungstruppen und der Übergangsregierung an sich "nicht trauen". Zudem würde eine Integration der SDF-Truppen in die Armee die Chancen senken, das Ziel einer Teilautonomie für kurdisch regierte Teile Syriens wie im Irak zu erreichen. 


SDF und al-Scharaa-Regime zwischen Einigung und Krieg

Die Gefahr eines größeren Krieges zwischen beiden Seiten bleibe also bestehen, das hätten allein die in Aleppo aufgetauchten Waffenarsenale der SDF gezeigt. Scheller erklärt: "Das sind Kriegswaffen, Luftabwehrraketen und Drohnen. Kein Zweifel: Die Idee, die Interessen mit Waffengewalt durchzusetzen, gibt es."

Würde es zu weiteren Gefechten kommen, fürchtet Christoph Leonhardt ein "komplettes Scheitern der Integrationsbemühungen". Die Situation in Syrien würde dadurch "sowohl militärisch als auch politisch" noch einmal instabiler werden.


Dennoch gibt es Scheller zufolge Chancen auf eine Einigung. Zwischen den verschiedenen Gruppen in Syrien gäbe es zwar Streitigkeiten um Identität, auch dadurch, dass Machthaber Assad sie jahrzehntelang systematisch gegeneinander aufgehetzt habe. Diese Identitätsfragen ließen sich zwar nicht lösen, doch "Interessen um Territorien und Unabhängigkeit kann man verhandeln". Sowohl die SDF als auch die Regierung wüssten zudem, dass "keine der Truppen groß genug ist, um einen Krieg gegen den anderen zu gewinnen". 

Und dennoch: Am Freitag flohen nach syrischen Behördenangaben aus Sorge etwa 4000 Menschen aus dem östlichen Umland Aleppos. Sie wollten demnach weiteren Kämpfen zwischen den Regierungstruppen und den SDF ausweichen. 


Hoffnung für syrisches Volk? "Sehnt sich nach Frieden"

Das syrische Volk dürfte generell kaum an einem neuerlichen Krieg interessiert sein. Leonhardt erklärt: "Ich denke, das syrische Volk sehnt sich nach 15 Jahren Krieg vor allem nach Frieden, Sicherheit und Stabilität und gewiss nicht nach neuen Fronten."

Dennoch habe der nicht selten an religiösen Grenzlinien verlaufene Bürgerkrieg auch "tiefe Narben hinterlassen". In der syrischen Gesellschaft herrsche daher ein "großes Misstrauen unter den unterschiedlichen religiösen und ethnischen Gruppen".  Leonhardt zufolge fehlt derzeit noch ein "gemeinsames nationales Narrativ, das von der breiten Bevölkerungsmehrheit getragen wird".


Scheller ruft hingegen zur "Geduld für langfristige Prozesse" auf. In Syrien herrsche eine Art "Zweckoptimismus": Die Leute wüssten, "dass sie auf sich selbst gestellt sind und keine große Wahl haben", als an das pluralistische Projekt der Übergangsregierung zu glauben.